Die immer neuen Nachrichten und Indiskretionen über den Mord an Carlo Giuliani, die von den Massenmedien unterstützt und verbreitet werden, veranlassen uns, diese Schrift früher als vorgesehen zu veröffentlichen. Es fehlen noch einige unterstützende Videos und Tonträger, die aber noch in dieser Woche verfügbar sein werden (einige der vorliegenden Links sind daher nicht aktiv). Wir hoffen, dass das hier vorliegende Material, die Deutlichkeit der Fotos und logischen Abfolgen zu einer vorurteilsfreien Betrachtung führen werden. Was zur Zeit hinsichtlich Carlo Giuliani passiert, ist eine klare Beleidigung der Wahrheit und der Vernunft - genau so wie das "aktive Unwohlsein", das angeblich dazu führte, dass Pinelli aus den Fenstern des Polizeipräsidiums in Mailand stürzte
Vorbemerkung Diese Schrift ist ein Versuch, Punkt für Punkt die Ereignisse von Piazza Alimonda darzulegen, die zum Tod von Carlo Giuliani am 20. Juli 2001 in Genua während der Demonstration gegen den G8-Gipfel geführt haben. Sie ergänzt zwei meiner Beiträge, die in der Zeitung "L'Ora" aus Palermo und in der Sherwood Tribune erschienen sind. Viele Abschnitte aus diesen beiden Beiträgen sind hier wieder aufgenommen, doch wurden neue Daten und Gedankengänge hinzugefügt. Dank der informatischen Fertigkeiten von Claudio und Sergio, dem journalistischen Scharfsinn von Milena und dem geduldigen, dickköpfigen Klassifizierung von Luciano, die mir bei dieser nicht gerade einfachen Arbeit geholfen haben, wird eine Reihe von Foto-, Video- und Audiomaterial, von dem ein Teil unveröffentlicht ist, allen zur Verfügung gestellt; sie wurden zum ersten Mal wieder neu geordnet und katalogisiert.
Der Autor und diejenigen, die ihm geholfen haben, erheben nicht den Anspruch, die Wahrheit zu besitzen. Aber genau deshalb sind sie nicht bereit, eine vorgefertigte Wahrheit zu akzeptieren, die von den Spielmachern angeboten wird.
Der Autor hat sich außerdem ein eigenes Bild gemacht, das er auch nicht verheimlichen will, nämlich dass Carlo Giuliani versucht hat, jenen Feuerlöscher aus Notwehr gegen die "schwere und unmittelbare" Bedrohung zu werfen, die in der aus dem Defender gezogenen Pistole bestand; und dass derjenige, der ihn getötet hat, einen Mord begangen hat. Beim jetzigen Stand der Dinge ist der Autor auch davon überzeugt, dass es legitim und möglich ist, den Carabiniere Placanica als Täter der abgegebenen Schüsse anzuzweifeln. Dies hat uns alle nicht daran gehindert, die größtmögliche Sorgfalt in die unvoreingenommenen Untersuchung der uns vorliegenden Daten an den Tag zu legen, da wir davon überzeugt sind, dass nur die Wahrheit - wie auch immer sie auch aussehen mag - den dramatischen Ereignissen von Piazza Alimonda einen Sinn geben kann. Wir wären glücklich festzustellen, dass alle diejenigen, die an den Ereignissen, von denen ich sprechen werde, teilgenommen haben, denselben Anspruch an die Wahrheit haben.
Leider sind wir davon nicht überzeugt. Die Widersprüchlichkeiten der offiziellen Versionen lassen uns Legitimerweise daran zweifeln. Die letzten Ergebnisse der Gutachten der vom Gericht bestellten Experten mit ihren möglichen Hypothesen von "tanzenden" oder "intelligenten" Kugeln, bestätigen nur unseren Pessimismus. Wir werden also gar nicht erst versuchen, der These des "Abpralls" zu widersprechen, da diese einfach unglaublich ist. Es würde auch keineswegs die Essenz der Analyse ändern, wenn wir an diesem Ort und ohne objektive Daten die Hypothese einer leichten Abweichung diskutieren würden. Daher werden wir davon Abstand nehmen und den Sachverständigen die Aufgabe überlassen, der vorliegenden Analyse zu widersprechen und deren eventuelle Haltlosigkeit aufzuzeigen.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass im Laufe dieser Schrift verschiedene Male auf andere dem Tod von Carlo gewidmete Untersuchungen und Analysen bezug genommen wird. Wie sich zeigen wird, teilen wir nicht immer die Schlüsse, zu denen sie gekommen sind. Hingegen teilen wir mit ihnen dasselbe Ziel und wollen einleitend ihre Wichtigkeit unterstreichen. Wir wollen betonen, dass auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, unsere Schlußfolgerungen der Analyse der anderen den unverzichtbaren Anreiz eines Dialogs verdanken, ohne den die nachfolgenden Zeilen nicht hätten geschrieben werden können. Wir glauben, dass die anderen es genauso sehen. Diese Analyse ist außerdem auch den Betrachtungen zu verdanken, die Paolo meinen vorangegangenen Artikeln gewidmet hat. Manchmal hatte ich recht, manchmal er. Jedenfalls bedanke ich mich bei ihm vor allen Dingen dafür, dass er meiner Meinung nach manchmal Unrecht hatte.
Hingegen danke ich keineswegs denjenigen und insbesondere nicht dem Fotografen Devin Asch, die im Besitz von Material sind und es nicht denen zur Verfügung gestellt haben, die versuchen, Licht in diese Sache zu bringen. Was Asch betrifft, der uns eher an den Autorenrechten als an der Aufklärung dieses Ereignisses interessiert erscheint, möchte ich betonen, dass wenn er auf die wiederholten Anfragen, sein Fotomaterial in einem akzeptablen Format mit einer akzeptablen Auflösung zur Verfügung zu stellen, antworten würde, möglicherweise einige der Fragen, die bis heute ungeklärt geblieben sind, vielleicht beantwortet werden könnten. Meine Hoffnung ist, dass diejenigen, die es institutionell können und müssen, Einfluß nehmen wollen, um die Relevanz der sich im Besitz von Asch befindlichen Fotos für den Prozeß zu überprüfen. Als ich als erster mit ihm Kontakt aufnahm, sagte er mir mit aller Deutlichkeit, daß er erwarte, für die Nutzung seiner Fotos "bezahlt zu werden" und ich glaube nicht, dass er seine Meinung geändert hat. Legitim. Wie ich glaube, daß es legitim ist, das Gegenteil zu meinen. Radio Sherwood und der Autor haben jedenfalls nicht die finanziellen Mittel, um die Forderungen des Fotografen zu erfüllen.
Diese Arbeit widmen wir alle der liebenswürdigen und unbeugsamen Stärke von Haidi und dem Mut von Giuliano, Elena und Fabrizio, die uns mit ihrer Freundschaft und Achtung haben ehren wollen. Und Carlo, dem "Kampfschmetterling".
Die Interviews, die Haidi, Giuliano und Elena uns gegeben haben, sind die Einleitung für alles, was folgt.